Im Frühjahr gelingt ein Blick auf ferne Galaxienhaufen

Galaxie im Sternbild Coma Berenices NGC 4565Verglichen mit  dem Winter- oder Sommerhimmel ist der vormitternächtliche Frühlingshimmel sternenarm, denn jetzt blicken wir aus unserer Milchstraßenscheibe fast senkrecht hinaus ohne dass unser Blick durch viele Sterne, Gas- oder Staubwolken behindert wird. Zwischen den Sternbildern Bärenhüter, Löwe und Jungfrau, deren Hauptsterne Arktur, Regulus und Spica das sog. Frühlingsdreieck bilden, findet sich ein Gebiet mit relativ wenigen, lichtschwachen  Sternen, die zum Sternbild Haar (lateinisch Coma) der Berenice gehören. Betrachtet man dieses Gebiet bei sehr dunklem Himmel mit bloßem Auge oder im Fernglas, so zeigen sich zahlreiche verwaschene Lichtflecken und man könnte zunächst einen offenen Sternhaufen vermuten. Doch der Schein trügt: ein Teleskop mit höherer Auflösung oder ein Foto enthüllen, dass es sich um Ansammlungen von Galaxien handelt, um sog. Galaxienhaufen: einer im Sternbild Coma ein anderer an der Grenze zum Sternbild Jungfrau (lat. Virgo). Entsprechend werden sie Coma,- bzw. Virgohaufen genannt. Das Zentrum des Virgohaufens liegt in 54 bis 60 Millionen Lichtjahren Entfernung und ist damit fast 25mal weiter entfernt als unser galaktischer Nachbar, die Andromedaglaxie, die jedoch, wie unsere eigene Milchstraße einem anderen, wesentlich kleineren Galaxienhaufen angehört: der sog. Lokale Gruppe. Der Virgohaufen, der einen Durchmesser von ca. 15 Millionen Lichtjahren besitzt, erstreckt sich am Himmel über ein Areal von 15 Grad und ist der naheste Galaxienhaufen. Mit seinen bis zu 2000 Mitgliedern ist er zugleich einer der dichtesten. Unter seinen einzelnen Galaxien kommt es daher oft zu Wechselwirkungen, was eine starke Sternentstehungsrate in ihnen zur Folge hat.


Mehr als 5mal soweit entfernt, nämlich 320 Millionen Lichtjahre (siehe Hubble News release 2010: NGC 4911), ist das Zentrum des  Coma-Haufens (Größe des Bildausschnitts 9 Bogenminuten). Auch dieser Haufen umfasst mehrere tausend Galaxien, hat einen Durchmesser von 20 Millionen Lichtjahren (ESA/Hubble Space Telescope (2008, June 12), was am Himmel einem Gebiet von mehr als 5 Grad entspricht, und ist damit ebenfalls sehr dicht.

Galaxienhaufen selbst wiederum gruppieren sich zu Galaxiensuperhaufen, den größten durch Schwerkraft zusammengehaltenen Strukturen im Universum. So bildet der Virgohaufen das Zentrum des sog. Virgo-Superhaufen, zu dem auch die Lokale Gruppe und damit unsere Milchstraße gehören.


Ein Blick in die Tiefen des Weltalls ist aber immer auch ein Blick in die Vergangenheit des Universums. Erst am 9.3.11 berichtete die ESO von einem Galaxienhaufen, der 3 Milliarden Lichtjahre entfernt ist und den wir in einem „jungen“ Zustand sehen, nämlich als das Universum gerade ein Viertel seines heutigen Alters hatte. Umso überraschter war man, dass sich in diesem Haufen bereits sehr massereiche Galaxien gebildet haben und der Haufen quasi schon voll entwickelt ist. „Wir haben die Entfernung zu dem am weitesten entfernten ausgewachsenen Galaxienhaufen gemessen, den man je gefunden hat… Auch bei genauerer Betrachtung sieht man diesem Galaxienhaufen nicht an, dass er sehr jung ist. Viele seiner Galaxien sind bereits voll entwickelt und weisen kaum Ähnlichkeit mit den für das junge Universum typischen Galaxien auf, in denen sich besonders viele Sterne bilden.” (Vollständiger Artikel ). Das sollte es nach der heutigen Theorie über die Entwicklung des Kosmos nicht geben und stellt damit eine spannende Herausforderung an die Kosmologen dar, wenn die Entfernung des Haufens tatsächlich korrekt ermittelt wurde.

Marianne Köhler-Kleinlein

Max Valier